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Ich betrete den Korridorium-Doppeldeckerbus jetzt schon zum vierten Mal. Seine Rundreise durch die deutsche Provinz führt jeden Monat einmal in mein kleines Städtchen, und zum Service zählt, dass man sich im Internet oder telefonisch anmeldet, dann am späten Abend von zu Hause abgeholt und am nächsten Morgen wieder dort abgesetzt wird.
Es ist ähnlich wie die Shuttlebusse für die Clubnächte in Berlin, außer, dass es sich hier beim Bus selbst um den Club handelt. Jeden Monat wechselt die Frage, mit der man sich auf seine nächtliche Reise begibt, und natürlich wechselt auch die Route, mit der immer wieder andere Fahrgäste aufgegabelt werden. Sind alle Reisenden an Bord, parkt der Bus irgendwo außerhalb der Stadt – so zumindest mein Eindruck von den ersten drei Touren, denn man kann die Fenster zwar einen Spalt öffnen und Frischluft hereinlassen, aber sie sind blickdicht, so dass ich da nur von meinem Höreindruck ausgehen kann.
Beim ersten Mal könnte es eine Autobahnbrücke gewesen sein: Immer wieder mischten sich die Fahrgeräusche von Autos und Lkws in die leisen Ambient-Klänge. Beim zweiten Mal meine ich einen Fluss gehört zu haben, wobei ich eigentlich nichts in der Umgebung kenne, das so fröhlich gluckert. Das war die Reise mit der Frage »Was ist Traum (und wohin, wenn ich erwache)?« Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, sie im Korridorium-Blog gelesen zu haben, aber thematisch passt sie natürlich.
Beim dritten Mal habe ich entdeckt, dass man sich im hinteren Teil des Busses auf Kissen hocken kann. Hier sitzt, die ganze Nacht lang, der DJ, nur beleuchtet vom fahlen Licht seines Laptops und den blinkenden LEDs seiner Geräte. Hierher setzt sich gelegentlich auch die Frau, die im Bus mit der Thermoskanne herumgeht, uns Reisenden die Frage der Nacht stellt und immer wieder Tee nachschenkt.
Die Musik, der umgebaute, fast völlig abgedunkelte Bus und die Frage, die immer wieder flüsternd über die Lautsprecher eingespielt wird, erzeugen eine ganz eigenartige und besondere Atmosphäre. Ich habe versucht, Freunden davon zu erzählen. Einer hörte kopfschüttelnd zu und fasste irgendwann zusammen: »Also ein Selbstfindungstrip!« Ich wollte das weder bejahen noch verneinen. Immerhin schwebe ich fast die ganze Nacht durch im Zwischenbereich von Schlaf, Traum und intensiven Gedanken. »Hast du die Fragen denn beantwortet?«, fragte er noch. Habe ich? Schwer zu sagen. Die dritte lautete »Wo findet Bewusstsein statt (und was hab ich davon)?«, und, ja, irgendwie habe ich eine Antwort gefunden. Um den Bus war es ganz still, bis dann morgens ein vielstimmiges Vogelkonzert einsetzte. Offenbar parkte er bei der dritten Tour neben einem Waldstück. Und da kam mir eine Antwort. Nicht wirklich auf diese Frage, und ich kann die Antwort auch nicht wirklich in Worte fassen – aber mir kam eine Erkenntnis, für die sich eine Nacht, in der ich kaum geschlafen habe, mehr als gelohnt hat.
Gibt’s Drogen? Sex? Steckt eine Sekte dahinter? Meinen Freunden ist die »mobile Musikmeditation« suspekt, und sie suchen den Haken an der Sache. Letztlich gibt den Ausschlag, dass keiner von ihnen freiwillig auf seinen kostbaren Schlaf verzichten will.
So bin ich wieder allein auf die nächtliche Reise gegangen. Ich kuschle mich in meine Koje, umschwebt von leisen Harmonien, in die hinein eine Stimme flüstert: »Wohin führt Klang (und in welche Resonanz die Stille)?« Seltsame Fragen sind es, die den Korridorium-Bus durch die Nacht gleiten lassen. Sie gewinnen im Halbschlaf ein verrücktes Eigenleben und verschaffen mir wertvolle Erkenntnisse, wie überhaupt des Nachts Dinge in meinem Kopf vor sich gehen, von denen ich vorher keinen Schimmer hatte.