Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

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Ich betrete den Korridorium-Doppeldeckerbus jetzt schon zum vierten Mal. Seine Rundreise durch die deutsche Provinz führt jeden Monat einmal in mein kleines Städtchen, und zum Service zählt, dass man sich im Internet oder telefonisch anmeldet, dann am späten Abend von zu Hause abgeholt und am nächsten Morgen wieder dort abgesetzt wird.

Es ist ähnlich wie die Shuttlebusse für die Clubnächte in Berlin, außer, dass es sich hier beim Bus selbst um den Club handelt. Jeden Monat wechselt die Frage, mit der man sich auf seine nächtliche Reise begibt, und natürlich wechselt auch die Route, mit der immer wieder andere Fahrgäste aufgegabelt werden. Sind alle Reisenden an Bord, parkt der Bus irgendwo außerhalb der Stadt – so zumindest mein Eindruck von den ersten drei Touren, denn man kann die Fenster zwar einen Spalt öffnen und Frischluft hereinlassen, aber sie sind blickdicht, so dass ich da nur von meinem Höreindruck ausgehen kann.

Beim ersten Mal könnte es eine Autobahnbrücke gewesen sein: Immer wieder mischten sich die Fahrgeräusche von Autos und Lkws in die leisen Ambient-Klänge. Beim zweiten Mal meine ich einen Fluss gehört zu haben, wobei ich eigentlich nichts in der Umgebung kenne, das so fröhlich gluckert. Das war die Reise mit der Frage »Was ist Traum (und wohin, wenn ich erwache)?« Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, sie im Korridorium-Blog gelesen zu haben, aber thematisch passt sie natürlich.

Beim dritten Mal habe ich entdeckt, dass man sich im hinteren Teil des Busses auf Kissen hocken kann. Hier sitzt, die ganze Nacht lang, der DJ, nur beleuchtet vom fahlen Licht seines Laptops und den blinkenden LEDs seiner Geräte. Hierher setzt sich gelegentlich auch die Frau, die im Bus mit der Thermoskanne herumgeht, uns Reisenden die Frage der Nacht stellt und immer wieder Tee nachschenkt.

Die Musik, der umgebaute, fast völlig abgedunkelte Bus und die Frage, die immer wieder flüsternd über die Lautsprecher eingespielt wird, erzeugen eine ganz eigenartige und besondere Atmosphäre. Ich habe versucht, Freunden davon zu erzählen. Einer hörte kopfschüttelnd zu und fasste irgendwann zusammen: »Also ein Selbstfindungstrip!« Ich wollte das weder bejahen noch verneinen. Immerhin schwebe ich fast die ganze Nacht durch im Zwischenbereich von Schlaf, Traum und intensiven Gedanken. »Hast du die Fragen denn beantwortet?«, fragte er noch. Habe ich? Schwer zu sagen. Die dritte lautete »Wo findet Bewusstsein statt (und was hab ich davon)?«, und, ja, irgendwie habe ich eine Antwort gefunden. Um den Bus war es ganz still, bis dann morgens ein vielstimmiges Vogelkonzert einsetzte. Offenbar parkte er bei der dritten Tour neben einem Waldstück. Und da kam mir eine Antwort. Nicht wirklich auf diese Frage, und ich kann die Antwort auch nicht wirklich in Worte fassen – aber mir kam eine Erkenntnis, für die sich eine Nacht, in der ich kaum geschlafen habe, mehr als gelohnt hat.

Gibt’s Drogen? Sex? Steckt eine Sekte dahinter? Meinen Freunden ist die »mobile Musikmeditation« suspekt, und sie suchen den Haken an der Sache. Letztlich gibt den Ausschlag, dass keiner von ihnen freiwillig auf seinen kostbaren Schlaf verzichten will.

So bin ich wieder allein auf die nächtliche Reise gegangen. Ich kuschle mich in meine Koje, umschwebt von leisen Harmonien, in die hinein eine Stimme flüstert: »Wohin führt Klang (und in welche Resonanz die Stille)?« Seltsame Fragen sind es, die den Korridorium-Bus durch die Nacht gleiten lassen. Sie gewinnen im Halbschlaf ein verrücktes Eigenleben und verschaffen mir wertvolle Erkenntnisse, wie überhaupt des Nachts Dinge in meinem Kopf vor sich gehen, von denen ich vorher keinen Schimmer hatte.

 

How Music Travels (engl.):Link

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Ich betrete den Korridor. Kilroy war schon da. Ich erklimme die Cheops-Pyramide. Kilroy war schon da. Ich eile ins Krankenhaus. Kilroy war schon da. Ich quetsche mich ins Kassenhäuschen. Kilroy war schon da. Ich wate knietief ins Kaspische Meer. Kilroy war schon da. Ich flaniere durch die Kolonnaden. Kilroy war schon da. Ich kurve auf meiner KTM durch Kapstadt. Kilroy war schon da. Ich statte der Käserei einen kurzen Besuch hab. Kilroy war schon da. Ich gucke mal wieder in die Kyberiade. Kilroy war schon da. Ich klettere ins Kanu. Kilroy war schon da. Ich torkle in die Kaschemme. Kilroy war schon da. Ich kniee im Kirchenschiff. Kilroy war schon da. Ich krieche ins Katzenklo. Kilroy war schon da. Ich komme konsterniert in die Küche. Kilroy fläzt sich auf der Couch, umgeben von Crackerkrümeln, glotzt Katzenberger und fragt: »Ey, Alte, wo warst’nn wieder so lang?«

 

Kilroy:Link

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Ich betrete den Korridor mit hängenden Schultern. Es ist schrecklich, den Meister enttäuscht zu haben. Er hat sich solche Mühe mit mir gegeben, immer wieder neu versucht, meinen Geist zu schulen und mir klar vor Augen zu führen, dass alles, was ich erlebe, bloßer Schein ist, ein Gaukelspiel, der Schaum der Dinge.

Doch ich kann die Illusion einfach nicht loswerden, dass ich, ich selbst, der Fokus dieses Erlebens, real bin. Dass ich wirklich existiere. Ich denke doch, ich fühle, ich mache Erfahrungen! Wie soll ich da nicht existieren und bloß Einbildung sein?

Was hat der Meister mit mir nicht alles schon versucht?
 
Von

  • Logik (Bewusstsein gibt es nicht im Plural),
  • Philosophie (Atman und Brahman sind eins),
  • Paradox (der Kōan von der einen klatschenden Hand),
  • Traumyoga (Besuche des Meisters in meinen Träumen, um mir zu zeigen, dass auch ich selbst nur ein Traum bin, der sich selbst träumt),
  • Wissenschaft (die Grand-Illusion-Videos von Susan Blackmore),
  • Mystik (»Mein Zucker ist in dir zerschmolzen, o Milch des Lebens, milde, reine«)

über

  • meditatives Training (tagelanges Sitzen im Nichtdenken),
  • Surrealismus (Jim Hensons The Cube: Erdbeermarmelade) und sogar
  • Gewalt (unvermittelte Faustschläge ins Gesicht, wie sie manch einem Adepten Erleuchtung gebracht haben sollen)

bis hin zu

  • einer »Snooze-Taste« für meine Gedanken (die er mittels NLP bei mir zu verankern suchte),
  • hartnäckigem Ignorieren (nicht nur meiner Fragen, sondern auch meines zunehmenden Hungers),
  • ausgedehnten Mandala-Betrachtungen (M.C.-Escher-Kachelungen mit der Frage »Wo ist das Zentrum?«) und sogar
  • buddhistischer Dunkeltherapie.

Doch mein angeblich illusionäres Ich ließ sich von alldem nicht beeindrucken. Nicht meine Vorstellung, ein Individuum zu sein, zerbröckelte bei diesem Ansturm, sondern meine Vorstellung, es gäbe da etwas wie eine feste Welt um mich herum.

Schließlich gab mein Meister seine Bemühungen auf. Ich hatte es schon kommen sehen, dass er mich irgendwann an den legendären Ort schicken wird, von dem seine Schüler nur hinter vorgehaltener Hand sprechen: den Korridor der Versager, den Korridor der Solipsisten. Niemand kehrte je zurück, heißt es, aus diesem Gang, den das Wasser des kleinen Flusses in den Bauch des Berges gefressen hat, in dem er dann spurlos verschwindet.

Auch ich werde spurlos verschwinden. Ein paar Tage, vielleicht Wochen lang werden meine Mitschüler noch meinen Namen im Munde führen, hinter vorgehaltener Hand flüsternd, als abschreckendes Beispiel für einen Uneinsichtigen, Unbelehrbaren, einen, der sich an das große Trugbild klammert und einfach nicht loslassen will. Aber bald schon, bald bin ich vergessen und vergangen.

Der Abstieg ins Dunkel ist schwierig. Ich bin schon völlig durchnässt, die Kälte kriecht in mein Inneres. Ich zittere am ganzen Leib, auch weil mich Todesangst erfasst. Dass das Ich nicht sterben kann, weil es gar nicht existiert, kann mich nicht trösten, auch jetzt nicht. Ich höre ein verzweifeltes Jammern, und nach einiger Zeit merke ich, dass es aus meinem eigenen Mund kommt. Ich verstumme.

Am Klang des Wassers höre ich, dass ich einen großen Höhlenraum betrete. Ich glaube, einen Lichtschimmer hoch über mir wahrzunehmen. Ist das eine Treppe, die in den Fels geschlagen wurde? Sie führt hinauf, dem Schimmer entgegen. Ich setze mich im Lotossitz auf den nackten Fels und schließe die Augen. Vielleicht hat sich das jahrelange Training ja doch irgendwie gelohnt.

Nicht ich werde diese Stufen betreten und hinaufsteigen. Nicht ich.

 

Kōan der einen klatschenden Hand:Link

Jim Hensons The Cube (engl., ca. 1 h):Link

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Ich betrete den Korridor in den Mannschaftsquartieren und schließe hinter mir die Tür zu der kleinen Kammer, in der sich meine Koje befindet. Außen klebt ein Schild mit meinem Namen und dem Zusatz »Xeno-Linguistin«. Wenn mein Blick darauf fällt, habe ich immer noch den Impuls, mir verwundert die Augen zu reiben. Was für eine unglaubliche Wendung des Schicksals hat mich aus Papua-Neuguinea hierher an Bord eines Forschungsraumschiffs gebracht, welches das Sonnensystem verlassen hat und kurz davor steht, Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation aufzunehmen?

Unvermittelt kommen mir die Worte »Tea nubunubu mataa« in den Sinn. Vor zehn Jahren noch habe ich mich als Linguistin mit aussterbenden Sprachen beschäftigt. Dann kam der 21.12.12, und dann ging dann alles ganz schnell. Eben noch mit Diktaphon und Laptop in Ozeanien unterwegs, startete ich, wie mir schien, schon im nächsten Moment im Auftrag der Menschheit mit einem Raumschiff zu fernen Sternen und Planeten, um beim Kontakt mit fremdartigen Zivilisationen als Übersetzerin zu fungieren.

Die Cosmic Beagle begann ihre Reise fünf Jahre nach der Aufhebung der Quarantäne – eine unglaublich kurze Zeitspanne für die Planung und den Bau eines interstellaren Raumschiffs. Es war, neben dem groß angelegten Versuch, den Klimawandel zu stoppen, das erste wirklich umfassende Menschheitsprojekt – von ein paar protestierenden Fundamentalisten und Konservativen einmal abgesehen.

Dass ich tatsächlich mit an Bord bin, kann ich immer noch nicht richtig fassen. Aber klar: Sie brauchen einen Sprachexperten. Statt nur ein einzelner Darwin ist ein ganzes Team von Spezialisten unterwegs – und eine Katze, Lady Wow, benannt nach dem Wow!-Signal aus dem Jahr 1977, dem kleinen Vorgeschmack auf das, was uns nach der Aufhebung der Quarantäne erwartete.

*

Lady Wow ist mehr als ein Maskottchen für uns: Meiner Meinung nach hat sie uns allen an Bord das Leben gerettet. Den ersten Kontakt mit außerirdischem Leben hatten wir nämlich schon, als wir unser Sonnensystem verließen und Voyager 1 passierten, eine Route, die aus Public-Relations-Gründen so gewählt worden war. Die Weltraumsonde Voyager 1 war das bis dato weiteste ins All vorgedrungene Objekt der Menschheit, und manche glauben, sie sei der Grund für die Aufhebung der Quarantäne gewesen: Die Kapsel erreichte nach 35 Jahren Flugzeit die Heliopause (noch so ein Wort, von dem ich mir vor zehn Jahren nicht hätte träumen lassen, dass ich es nicht nur gebrauchen, sondern auch wissen würde, was es bedeutet). Dabei könnte sie mit der Hülle oder dem Netz, mit dem wir Menschen von den Radiosignalen anderer Zivilisationen abgeschottet wurden, zusammengestoßen sein, woraufhin der Filter abgeschaltet wurde. Warum das aber nun gerade am 21.12.2012 geschah, dem berüchtigten Stichtag aus dem Mayakalender, weiß keiner zu erklären. Zufall? Schicksal? Selbsterfüllende Prophezeiung? Jedenfalls war es nicht das Ende der Welt für uns, sondern ein neuer Anfang.

Der Termination Shock lag schon eine Weile hinter uns. Wir sandten Fotos von unserer Annäherung an Voyager 1 zur Erde. Und dann, ich saß gerade beim Frühstück, Lady Wow auf dem Schoß, breitet sich in meinem Inneren ein kalter Hauch aus und lässt mich erstarren. Es war, als stünde ich nackt unter einem vieltausendäugigen Mikroskop, das mich in Sekundenbruchteilen Pore für Pore studierte und in- und auswändig abtastete, kalt, ohne einen Funken Emotion oder Menschlichkeit – außer dass es hungrig war. Sehr, sehr hungrig.

Lady Wow fauchte und bleckte die Zähne. Sie sprang von meinem Schoß, und jagte zwischen den Stühlen herum, als würde sie eine unsichtbare Maus jagen. Der kalte, unmenschliche Blick, der mich bei lebendigem Leib seziert hatte, verschwand mit einem Mal, und ich glaubte, noch so etwas wie ein Bedauern zu spüren. Dann war es weg.

Lady Wow kam wieder zu mir, legte sich auf meinen Oberschenkel und schnurrte. Ich war im Innersten erschüttert. Die Stimme der Galaktischen Föderation zehn Jahre zuvor war mir freundlich und fast einfühlsam vorgekommen. Das hier, was immer es gewesen war, war ein Jäger, und ich war seine Beute. Ich habe keine Ahnung, wie es Lady Wow gelang, das Wesen zu verjagen, ein immaterielles oder womöglich aus Dunkler Energie bestehendes Wesen, das außerhalb unseres Sonnensystems den interstellaren Raum durchstreift.

Oder war es die Quarantäneglocke selbst, Reste von ihr? Die Meinungen in unserer Crew gehen bis heute auseinander. Und wir hatten wahrlich viel Zeit, das Erlebnis auszudiskutieren, das jeder von uns anders wahrgenommen hat.

*

In meinem vorherigen Leben als Sprachforscherin habe ich mich keinen Deut für Science-Fiction interessiert. Doch wie anders soll ich mich auf den Kontakt mit Außerirdischen vorbereiten, der ja, bis er dann irgendwann stattgefunden hat, nichts anderes ist als eine Fiktion? Also begann ich, all das zu studieren, was sich Schriftsteller an Begegnungen mit fremdartigen Wesen ausgemalt haben.

Und wissen Sie, was eigenartig ist? Ich fand unter all diesen Geschichten eine, in der eine Katze namens Captain Wow interstellare Drachen verjagt, die sie als Ratten wahrnimmt. So rettet sie die Raumfahrer, die sonst durch die Begegnung mit diesen »Sternendrachen« den Verstand verlieren würden, denn deren Hunger gilt nicht dem Leib, sondern dem Geist.

Ein seltsamer Zufall, oder?

Den anderen an Bord habe ich nichts davon erzählt, aber ich fürchte mich ein wenig vor unserer Rückkehr in zwanzig Jahren. Wird Lady Wow da noch am Leben sein? Ihre natürliche Lebensspanne wird sich längst dem Ende zugeneigt haben. Aber vielleicht hat das Herumtoben in der schwerelosen Zone unseres Schiffs die Alterungsprozesse ein wenig aufhalten können. Hoffentlich! Denn der Dunkle Drache wird an der Grenze zu unserem Sonnensystem weiterhin hungrig auf der Lauer liegen …

 

Teop:Link

Heliosphäre:Link

Das Drachenspiel:Link

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Ich betrete den Korridor zu den Mannschaftsquartieren – und obwohl wir schon jetzt schon viele Jahre unterwegs sind, kann ich immer noch nicht richtig fassen, dass ich mit einem Raumschiff auf dem Weg zu einem fremden Sonnensystem bin, zu einem fremden Planeten und zu einer außerirdischen Zivilisation.

Allein schon, dass ich mit meinen Füßen fest auf dem Metallboden stehe, ist – im Vakuum des Weltraums, weit weg von allem, das Gravitation auf uns ausüben könnte – eigentlich unfassbar: Das Schiff rotiert und hält mich so auf der Außenwand fest, so, wie in einen gefüllten Eimer, den ich herumschleudere, das Wasser hineingepresst wird.

*

Es war der 21.12.2012, der alles verändert hat. Heute ist es auf den Tag zehn Jahre her, dass wir Menschen, alle Menschen auf dem Planeten Erde, die Stimme in unseren Köpfen gehört haben. Jeder nahm sie anders war, einige als Donnerhall, andere als Flüstern, manche als weibliche, manche als männliche Stimme oder auch die eines Kindes. Der Wortlaut war jeweils derselbe. »Hier spricht die Galaktische Föderation.«

Es war unheimlich. So etwas hat es vermutlich noch niemals in der Geschichte gegeben. Es wirkte bedrohlich und befreiend zugleich. Mir ging es wie den meisten anderen: Danach konnte ich nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Wie sich herausstellte, war es für die Menschheit eine weitere kopernikanische Wende. Nicht nur, dass die Erde nie das Zentrum des Universums war, nein, auch wir Menschen entpuppten uns als eine intelligente Spezies unter vielen, eine Zivilisation unter vermutlich unzähligen.

»Die Quarantäne, die zu eurem Schutz bestand, ist mit sofortiger Wirkung aufgehoben.«

Jeder Mensch auf unserem Planeten hörte diese knappe Botschaft in seiner eigenen Muttersprache, wo er auch gerade war, was er auch gerade tat. Ich selbst gehörte zu dem Drittel der Menschheit, das gerade schlief. Die Stimme sprach zu mir – sie war weiblich und sanft –, und ich wachte sofort auf, ohne den geringsten Zweifel daran, dass dies kein Traum gewesen war. Milliarden erging es genauso, hörte ich später, so, wie ich auch bald erfuhr, was es mit dieser Quarantäne auf sich hatte.

*

Über ein halbes Jahrhundert schon hatten die Astronomen nach Signalen außerirdischer Zivilisationen gesucht. Von SETI hatte noch nie ich gehört, denn das Forschungsprogramm hatte keine nennenswerten Ergebnisse erbracht – außer vielleicht dem mysteriösen Wow!-Signal. Verblüffend, welche Wissensgebiete es plötzlich auf die Titelseiten schafften, und ebenso erstaunlich, mit was für Themen ich mich plötzlich beschäftigte, mit welchen völlig neuen Fragen ich mich jetzt auf einmal auseinandersetzte.

Vielen ging es so. Irgendwie war das ja auch klar: Die Erfahrung, etwas Fremdes im eigenen Geist zu spüren, ließ uns Menschen nicht mehr los, auch wenn es Leute gab, die sie als Massenhalluzination oder aufwändigen Scherz von Studenten abtun wollten.

Jedenfalls wurde mit der am 21.12.12 weltweit ausgestrahlten telepathischen Botschaft klar, warum SETI so lange erfolglos gewesen war und keine fremden Zivilisationen entdeckt hatte: Unser Sonnensystem war vor allen intelligenten Radiosignalen abgeschottet worden, und sie konnten unsere Sensoren gar nicht erreichen – bis eben auf das Wow!-Signal, das möglicherweise einer kurzen Funktionsstörung des Quarantäne-Filters zu verdanken war.

Gut, über die Existenz außerirdischen Lebens wurde diskutiert, aber soweit ich etwas davon mitbekommen hatte, schlossen die Experten aus, dass es die gewaltigen Entfernungen im Weltraum überwinden konnte. Mit der Stimme war plötzlich alles anders: Es gibt Leben in anderen Sternsystemen, intelligentes Leben, und es weiß von uns.

Wer allerdings die »Galaktische Föderation« ist und ob die Zivilisationen in unserem galaktischen Umfeld dazugehören, haben wir bekanntlich bisher nicht erfahren. Die Stimme in unseren Köpfen – von der manche sagen, sie war eine automatische Aufzeichnung, die abgespielt wurde, als die Weltraumsonde Voyager 1 die äußere Grenze unseres Sonnensystems erreichte – meldete sich erst einmal nicht wieder. Eine weitere Botschaft blieb aus. Unsere Radioteleskope allerdings wurden plötzlich »mit sofortiger Wirkung« von Signalen offenbar intelligenter Art aus unserer galaktischen Nachbarschaft überflutet, wenn sich auch erst einmal nichts von dem, was unsere neuentdeckten Nachbarn an Botschaften ins All abstrahlten, dekodieren ließ. Die galaktischen Radiofrequenzen waren mit einem Mal von einem tausendstimmigen unverständlichen Geschnatter erfüllt, was ein Schock für viele war – und vielleicht sogar ein heilsamer Schock.

*

Die Erfahrung, eine fremde Stimme im eigenen Kopf zu hören, war für die meisten Menschen ein einschneidendes Erlebnis, und in der Folge passierten Dinge, die viele – ich eingeschlossen – für kaum noch möglich gehalten hatten: Die Menschheit rückte zusammen und sorgte, mit einem neuen Ziel vor Augen, gemeinsam und unbürokratisch für die Lösung der akuten globalen Probleme. Auch ich war schnell von der neuen Begeisterung angesteckt. Neue Horizonte hatten sich aufgetan, und mir gingen Begriffe wie »Exo-Soziologie« oder »Kardaschow-Skala« bald schon flüssig von den Lippen.

Natürlich wollte so gut wie jeder wissen, wer sich hinter dieser wortkargen »Galaktischen Föderation« verbirgt, die sich anmaßte, uns jahrhundertelang in Quarantäne zu stecken. Und natürlich waren wir neugierig auf die fremden Zivilisationen, die wir plötzlich in unseren Radioteleskopen belauschten.

Die Quarantäne war aufgehoben, aber niemand sagte uns Hallo. Also beschlossen wir, selbst die Hand auszustrecken und unsere kosmischen Nachbarn zu begrüßen …

 

Das Wow!-Signal:Link

Voyagers Position (engl.):Link

Exo-Soziologie:Link

Die Kardaschow-Skala:Link

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Ich betrete den Korridor. Diesmal, finde ich, hat es der Professor übertrieben. Alles wirkt viktorianisch verspielt: An den Wänden sprudeln kleine Fontänen unter ovalen Spiegeln mit geschnitzten Elfenbeinrahmen. Das also ist sein neuster Streich, die »Mythenmaschine«. Irgendetwas hat Ceril auf den Gedanken gebracht, die Mythen der Welt hätten sich aufgebraucht. »Eine ›Mythonen‹-Knappheit?«, habe ich vorwitzig gefragt, aber er hat mich nur verächtlich angesehen. Offenbar geht es diesmal nicht um der sonstigen Wissenschaft unbekannte Elementarpartikel.

Er ließ mich referieren, was ein Mythos ist, war aber mit meinem Wikipedia-Wissen unzufrieden und erklärte, er beschäftige sich als Freizeit-Mythenforscher intensiv mit »archetypischen Erzählungen, die als kollektives Vorbild dienen können. »Harry Potter?«, schlage ich vor, und »Avatar?« Der Professor runzelt die Brauen: »Das ist ja gerade, was mir Sorge bereitet: diese allgegenwärtige Regression ins magische Denken. Der Mythos vom edlen Wilden und der von einer verzauberten Welt, die nicht so sehr den Naturgesetzen wie dem menschlichen Willen gehorcht – leider derzeit nicht sehr hilfreich und zielführend, was die Zukunft der Menschheit anbelangt.«

Deshalb nun seine Maschine. Sie soll den Mythos für das 21. Jahrhundert kreieren, die universelle Geschichte, die allem, was wir erleben und anstreben, neuen Sinn verleiht – und ich soll diese Kreation ans Tageslicht holen.

Die stoffbespannten Türen des Korridors sind mit wabernden Buchstaben beschriftet. Wie im Traum lässt sich nicht richtig erkennen, was da steht, und es ändert sich dauernd. Stand da eben etwas von »die Seele dem Teufel verkaufen«? Oder »Erschaffung der Welt in sieben Tagen«? Oder »Kaiser Barbarossa schläft nur«?

Mir wird ganz schummrig, und ich mache, dass ich aus der Maschine wieder rauskomme.

»Sie steht mit ihren Berechnungen offenbar noch ziemlich am Anfang«, erkläre ich dem Professor mit fester Stimme.

»Aber sie arbeitet schon ganze sechs Tage lang«, erklärt er traurig. Dann zuckt er die Schultern: »Na schön, dann geben wir ihr noch eine Woche.« Und als er meinen Blick sieht: »Einen Monat?« Ich antworte nicht, und Ceril meint schließlich enttäuscht: »Gut: ein Jahr. Damit sollten wir auf der sicheren Seite stehen.« Ich nicke zufrieden. Bloß erst einmal nicht wieder da reinmüssen!

In der folgenden Nacht bin ich im Traum auf der Flucht vor einer gewaltigen Horde Märchen- und Sagengestalten, die alle unbedingt mein »Vorbild« sein wollen. Ich erwache schweißgebadet. Hoffentlich verfolgt mich dieser Alptraum jetzt nicht Nacht für Nacht ein ganzes Jahr lang.

(Tat er nicht. Stattdessen eroberte eine ziemlich verrückte neue Mitschülerin meine Träume im Sturm. Aber das ist eine andere Geschichte.)

 

Entropie (Video, dt. 15 min):Link

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Ich betrete den Korridor. (Bitte ankreuzen.)

 

Kästchen täglich mehrfach; Kästchen 1x/Tag; Kästchen 1x/Woche; Kästchen 1x/Monat; Kästchen fast nie.

 

Ich will hier mehr Farbe. Und Fotos. Und Filme von Korridoren.

 

Kästchen ja, unbedingt; Kästchen gern; Kästchen weiß nicht; Kästchen bleib lieber minimalistisch!

 

Ich will hier mehr Erotik. (Mehrfachnennungen möglich.)

 

Kästchen ab 18; Kästchen erst nach 22 Uhr; Kästchen nur Blümchensex; Kästchen im Korridor?

 

Auf die Begleitmusik kann ich verzichten. Die Texte sind okay.

 

Kästchen genau; Kästchen hab eh das Radio laufen; Kästchen egal; Kästchen welche Musik?

 

Die Soundtracks sind super. Auf die Storys kann ich verzichten.

 

Kästchen nervt alles; Kästchen inspiriert beides; Kästchen gibt’s Download-Links?

 

Ich will liken, disliken und hearten können (und ggf. auch plussen).

 

Kästchen ohne geht gar nicht; Kästchen ab und an; Kästchen wozu?

 

Ich will Kommentare abgeben und Kommentare kommentieren.

 

Kästchen weder noch; Kästchen sowohl als auch.

 

Ich möchte gerne über Merchandising-Produkte informiert werden.

 

Kästchen angekreuzt trifft zu.

 

Ich bestätige hiermit, die Widerrufsbelehrung gelesen und verstanden zu haben.

 

Kästchen angekreuzt ja.

 

Bitte senden Sie den ausgefüllten Fragebogen an uns zurück. Sie nehmen an einer Verlosung teil. Ihre Daten werden nach allen Regeln der Kunst ausgewertet, kreuzreferenziert und gewinnbringend weiterverkauft.

Widerrufsbelehrung:Link

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Ich betrete den Korridor zwischen den überfüllten Sitzreihen des Busses und werde mich bis nach hinten zur Plattform vorarbeiten. Dort werde ich einen jungen Nerd beobachten, der sich bei einem Fahrgast über Ellenbogenstöße beschwert, und mich köstlich darüber amüsieren, wie der Typ plötzlich Angst vor der eigenen Courage kriegt und sich auf einen freigewordenen Platz verzieht. Ich werde mich kurz darüber lustig machen, dass der dünnhalsige Geek es wohl cool findet, über den Nike-Haken auf seinem Käppi eine Aids-Schlaufe gepinnt zu haben, und zwar kopfüber, mich dann aber anderen Gedanken zuwenden und vielleicht sogar – im Stehen und mit einer Hand in der Halteschlaufe über mir – einen Blick in meine derzeitige Arbeitsweg-Lektüre zu werfen, Exercices de Style – manierierte belletristische Etüden, vermute ich und werde ich bestätigt finden.

Später werde ich den Freak wiedergesehen haben, wie er sich von einem Kollegen den Finger auf die Brust legen und maßregeln ließ. Aber da das alles nicht wirklich erwähnens- oder auch nur erlebenswert ist, werde ich den Bus heute vorbeifahren lassen und mich der Abwechslung halber mal zu Fuß auf den Weg in die rue Sébastien-Bottin 5 gemacht haben.

 

Queneaus Stilübungen:Link

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Ich betrete den Korridor zwischen den Staudengewächsen und Zierbäumen. In unserem Freigelände können sich Pflanzenliebhaber fast jeden Wunsch erfüllen. Von Seerosen bis zu Rabattenstauden präsentiert sich ihnen unser Angebot wuchsfreudig, blühend und ganz in Saft und Kraft stehend. Die Pflege des umfangreichen Bestands ist für uns Mitarbeiter im Gartenmarkt eine ziemliche Herkulesaufgabe. Trotzdem habe ich während meines Praktikums immer wieder Zeit gefunden, staunend zu beobachten, wie die Pflanzen ihre Käufer finden.

Die Kunden streifen umher und begutachten unser Angebot, und dann irgendwann macht es Klick, und eine der Pflanzen hat ein neues Heim und einen neuen Besitzer gefunden. Ob es irgendetwas Chemisches ist, Pheromone vielleicht, oder ob es eine Form von Magie ist, habe ich noch nicht herausfinden können. Zwar glauben die Heimgärtner und Laubenpieper, sie wären es, die hier die Wahl treffen, aber in Wahrheit haben sie keinerlei Kontrolle über ihren Einkauf und stehen ganz im Bann der Blumen, Stauden und Ziergehölze, die sich ihnen aufdrängen. Wobei diese durchaus wählerisch sind. Und, ja, es gibt auch Kunden, die absolut unempfänglich sind für die Signale der Botanik und einfach einpacken, was auf ihrem Einkaufszettel steht. Doch die sind selten.

Ein fetter Mann, der seine Resthaare auf die Glatze gekämmt hat, schiebt seinen Einkaufswagen zwischen den Paletten durch. Er lässt seinen Blick schweifen und rollt gemächlich am Blauglockenbaum vorbei. Im Wagen hat er einen Zimmerspringbrunnen mit Drachenbaum und Zwergpfeffer. Ich als Pflanze würde mich jetzt klein und unscheinbar machen und ihn vorbeifahren lassen – wer ein weißes T-Shirt anzieht, das sich über den Bauch spannt und zahlreiche Flecken zweifelhafter Herkunft aufweist, wird auch seine Pflanzen nicht richtig pflegen.

Er hält an und nimmt den Blauglockenbaum in Augenschein. Ich beobachte ihn zwischen den Ästen der Harlekinweide hindurch. Was will er mit unserer Paulownia? Sie sieht ein wenig kümmerlich aus, ein paar der Blätter sind bräunlich verfärbt, als leide sie unter Pilzbefall. Niemand interessiert sich für sie. Schon seit Monaten steht sie unbeachtet auf der Palette neben dem Goldliguster: ein echter Ladenhüter. Aber der Dicke packt sie doch tatsächlich in seinen Wagen. Ich eile sofort hin.

»Kennen Sie sich mit der Pflege einer Paulownia aus? Sie ist sehr kapriziös.« Das soll ihn abschrecken. Aber der Kerl brummt nur und schiebt seinen Wagen weiter. Ich folge ihm.

»Oh, sehen Sie nur. Sie ist krank. Warten Sie, ich checke mal in unserem Bestand, ob ich nicht ein anderes Exemplar für Sie habe.« Wir haben keines, das muss ich nicht erst checken, aber ich kann ihm bestimmt einen Trompetenbaum unterjubeln, die werden oft mit der Blauglocke verwechselt. Doch der fette Glatzkopf schüttelt unwirsch den Kopf und reißt mir den Plastiktopf wieder aus den Händen, setzt ihn neben seinem Zimmerspringbrunnen, wirft Paulownia einen verliebten Blick zu und lässt mich einfach stehen.

»Entschuldigen Sie«, rufe ich ihm hinterher, »dieser Zierbaum ist bereits verkauft.« »Er gehört mir!«, will ich anfügen, aber ich sehe, dass die Tochter des Chefs auf mich aufmerksam geworden ist. Sie steht mit dem Wasserschlauch an den Silberweiden.

Der Übergewichtige dreht sich zu mir um. Ich habe nur Augen für meine Paulownia. Sie schüttelt ihre Blätter und reckt sich zu ihrer ganzen Größe auf. Sie will mich verlassen. Sie will sich diesem Dicken in seinem schmierigen T-Shirt an den Hals werfen, will die Seine werden und alles in den Dreck treten, was sich so behutsam zwischen uns beiden entwickelt hatte!

Die Tochter des Chefs tritt zu dem Dickwanst: »Es ist alles in Ordnung mit dem Bäumchen.« Dann dreht sie sich zu mir um. Sie hatte schon immer einen Kieker auf mich: »Ich glaube, unsere Orchideen müssen mal wieder ein wenig eingenebelt werden.« Doch ich habe bereits die große Gartenschere in der Hand. Von diesem Fettsack lass ich mir meine Paulownia nicht wegnehmen!

Ich stürze mich wütend auf ihn. Nach einem kurzen Handgemenge und ein paar schrillen Hilfeschreien der Chefstochter kann ich den Mann zur Seite stoßen und stehe dem treulosen Zierbaum gegenüber. Mit meinen Händen an den Griffen öffne ich die Schere. Paulownia scheint zurückzuweichen, ihre Zweige zittern, und sie scheint mich anzuflehen, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen. Sie will alles wiedergutmachen, mir ein Leben lang treu bleiben, mir zu Diensten sein, mir jeden Wunsch von den Lippen ablesen! Pah! Sie kann mich nicht mehr täuschen …

Später habe ich erfahren, dass der Blitz, der in diesem Moment auf mich herniederfuhr und mich zu Boden schleuderte, eine der Edelstahlgießkannen für 94,99 Euro war, die mir die Tochter des Chefs über den Schädel zog. Die Aktion brachte mir neben einer schmerzenden Beule und einer leichten Gehirnerschütterung natürlich gleich auch die fristlose Kündigung ein. Meine Paulownia war fort, verkauft, als ich wieder zu mir kam. Der Dicke hatte sie in seinen Kombi geladen und war davongefahren. Wegen des unangenehmen Vorfalls haben sie ihm den Baum geschenkt und mir den Kaufpreis von meinem Praktikantengehalt abgezogen.

Also gehört sie jetzt ganz offiziell mir, oder? Ich habe sie schließlich bezahlt. Und ich werde sie mir holen! Janine von der Kasse, mit der ich hin und wieder heimlich hinterm Treibhaus an den Kompostcontainern geraucht hatte, hat mir den Namen und die Adresse des fetten Kunden gegeben. Der Chef hatte beides notieren lassen, für den Fall, dass es ein Nachspiel gibt.

Oh ja. Es wird ein Nachspiel geben! Diesmal habe ich die Motorsäge dabei …

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Ich betrete den Korridor? Na, das wüsste ich aber! Ich bin doch gar nicht an der Reihe.